Ein Tag, der alles im Leben von Luzia und ihrer Familie verändert: Ihr Mann wird plötzlich zu einem pflegebedürftigen Menschen. Sie erlebt zehn Jahre mit viel Sorge und wenig Geld. Wie blickt sie heute, mit Grundeinkommen, auf diese Zeit zurück?
"Mama, Mama! Papa hatte einen Herzinfarkt." An den Anruf ihres Sohnes kann sich Luzia auch elf Jahre später noch ganz genau erinnern. Ihre drei Kinder waren damals schon fast erwachsen, von ihrem Mann lebte sie getrennt. Trotzdem überlegt Luzia keine Sekunde: Sie fährt sofort zu ihrem Mann ins Krankenhaus.
Und dann: Raus aus dem Krankenhaus, rein in die Backstube ihres Mannes. Denn Luzia weiß: "Morgen früh stehen alle vor der Tür, wir müssen die Bäckerei offen halten."
Luzia und ihr Mann hatten sich Anfang der 80er Jahre in Bayern beim Fasching kennengelernt. Sie, Tochter eines Müllers, war gelernte Bäckereifachverkäuferin, er stellte sich ihr als Bäcker vor. "Ja, das war dann eigentlich schon gegessen", sagt Luzia und lacht vergnügt.
Ihr Mann übernahm dann gemeinsam mit Luzia die Bäckerei seiner Eltern. "Das Geschäft war immer das Wichtigste ", erzählt sie. So hält sie mit der Familie den Laden auch am Laufen, als ihr Mann im Krankenhaus liegt. Erst hätten sie noch gedacht: "Nach einem Herzinfarkt kann man ja eigentlich wieder weitermachen. "
Zwischen Brot und Betreuung
Nach einigen Wochen im Krankenhaus wird klar: Luzias Mann wird nicht weitermachen können. Er hatte einen hypoxischen Hirnschaden erlitten. "Das hat ihn zu einem Menschen gemacht, der zwar alles mitkriegt, aber nichts mehr selbst tun kann", erklärt Luzia.
Foto: Fabian Melber
Luzia kündigt ihren Job und zieht zurück zu ihrem Mann. Sie stemmt die Bäckerei und übernimmt gleichzeitig die Pflege ihres Mannes. "Mein Tag fing um halb drei in der Früh an", erzählt sie. Ihren Mann habe sie in die Backstube gesetzt. "Dann saß er am Ofen mit dabei, sodass er zugucken konnte." Neben ihrer Arbeit in der Backstube und hinterm Verkaufstresen bereitet sie Essen zu, wäscht ihren Mann, kleidet ihn an, passt auf ihn auf – abends kümmert sie sich um die Abrechnungen der Bäckerei.
Was Luzia in diesen Tagen nicht hatte, war Spielraum. Keine Zeit. Kein Geldpolster. Und keine Gewissheit, dass es irgendwie schon weitergehen würde.
"Ja, wann habe ich eigentlich geschlafen?", wundert sich Luzia selbst, als sie von ihrem vollen Alltag mit Bäckerei und Pflege erzählt. Sie erinnert sich: "Wenn ich mit meinem Mann im Wartezimmer oder irgendwo gesessen habe, ich hatte immer ein Auge auf ihn. Aber alles, was an Pause möglich war, ging sofort in Schlaf über."
Nach ein paar Monaten Doppelbelastung kann Luzia nicht mehr. Die Bäckerei wird verpachtet. Mit Unterstützung ihrer Söhne und den Schwiegereltern pflegt Luzia weiterhin ihren Mann, der inzwischen nicht einmal mehr selbstständig essen kann.
Pflege ist größtenteils weiblich – und wird meist von Angehörigen getragen
Luzias Erzählungen reihen sich nahtlos in die allgemeinen Pflege-Statistiken ein. Über 80 Prozent der Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, werden nämlich zu Hause versorgt. Pflegearbeit in Deutschland wird zu einem großen Teil von Angehörigen getragen, die sich kümmern, wenn ihre Nächsten alt werden, pflegebedürftig auf die Welt kommen oder urplötzlich Pflege benötigen. So wie in Luzias Familie.
Und: Nicht nur wird die Pflege in Deutschland hauptsächlich von Angehörigen übernommen, es sind vor allem Frauen, die sie leisten: Drei von vier Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, sind Frauen.
Luzia weiß: "Es ist eine Riesen-Herausforderung, jemanden zu Hause zu pflegen und immer, ja immer da zu sein." Auch das Geld habe bei ihr an allen Ecken und Enden gefehlt. "Die finanzielle Situation war so eng gestrickt, dass ich für Heizöl und fürs Tanken immer wieder Verwandte oder Bekannte um Geld fragen musste."
Die Menschen, die Leute zu Hause pflegen, die unterstützen den Staat mit unglaublich viel Engagement, Kraft und Energie. Und das kriegt man auf keinen Fall zurück.
Gewinnerin Luziazeigt auf, was pflegende Menschen leisten
Hätte sie in dieser Zeit Grundeinkommen gehabt, da ist sich Luzia sicher, "der Spielraum wäre wesentlich größer gewesen." Alle Zuzahlungen, die sie vom Staat bekam, haben zunächst noch mehr Arbeit verursacht. "Alles, was über die Pflege ging, musste belegt werden", erinnert sich Luzia noch gut, "der ganze Papierberg von Formularen muss von Menschen getragen werden, die kein Jura studiert haben."
Luzia gewinnt im November ein Grundeinkommen, die Verlosung findet zufällig genau an ihrem Geburtstag statt. So richtig fassen kann sie es immer noch nicht: "Wer hat denn bitte so viel Glück?"
Sie möchte mit dem Grundeinkommen ihre drei Söhne und ihre zwei Enkelkinder unterstützen. Nach dem Tod ihres Mannes vor gut einem Jahr könne die Familie nun etwas aufatmen und ein Stück weit neu leben. "Das gilt natürlich auch für mich selbst", sagt Luzia, "einfach wieder Luft kriegen." Sie träumt von einer Portugal-Reise.
Es gibt auch noch einen ganz konkreten Wunsch, der mit dem Grundeinkommen möglich wird: "Dann ist mein Gartenzaun dran, weil da eine Latte nach der anderen wegfliegt. Das muss jetzt gemacht werden."
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Zwei Monate nach ihrem Gewinn besucht uns Luzia in Berlin und dreht gemeinsam mit Jannes am Verlosungsrad. Eines der Grundeinkommen, die Luzia mit uns verlost, gewinnt Jua. Wir können sie live während der Verlosung anrufen und sie erzählt uns am Telefon, dass sie einen Krankheitsfall in der Familie gehabt hätten.
Der Zeitpunkt für den Gewinn könnte für Jua nicht besser passen: "Ich freue mich wahnsinnig. Das ist das wunderbarste Geschenk. Ich hatte kein Weihnachten, kein Silvester und seit einem Monat mit dem Krankheitsfall zu tun. Damit gebt ihr mir ein Stück Hoffnung für dieses Jahr zurück."
Was denkst du? Wie könnte ein Grundeinkommen pflegenden Angehörigen helfen? Hast du selbst schon Erfahrungen mit Pflege gemacht? Schreib es uns gerne in die Kommentare!
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