Kein Recht auf "Lifestyle-Teilzeit"? Hinter der Forderung des CDU-Wirtschaftsflügels steckt ein stark vereinfachtes Weltbild: Wer nicht möglichst viel erwerbstätig ist, zählt weniger. Teilzeit ist für Millionen Menschen aber gar nicht Ausdruck einer Laune, sondern Notwendigkeit – und der Vorstoß geht komplett an ihren Lebensrealitäten vorbei.
Vielleicht erinnerst du dich noch an das berühmt-berüchtigte Loblied eines ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten auf den Transrapid in München? Falls nicht, dann sei dir mit diesem Video der Tag etwas versüßt.
Seine Unionskollegin Katherina Reiche wollte ihm die Errungenschaft des wirrsten je aufgezeichneten Gestammels eine*r Unionspolitiker*in wohl nicht einfach überlassen – und hat kürzlich mit einer Antwort an den Journalisten Tilo Jung stark aufgeholt. Wir mussten uns das Ganze mehrmals anhören, glauben aber, von ihr verstanden zu haben:
Obwohl die Deutschen heute so viel (erwerbs-)arbeiten, wie seit der Wende nicht mehr, sind das eben nicht alle Deutschen. Einige müssten demnach sehr viel arbeiten, um die durch Urlaub, Feiertage und Teilzeitarbeit anderer verlorene Produktivität wieder wettzumachen. Da ist es freilich nicht verwunderlich, dass die Wirtschaftsministerin auch dem Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels gewogen ist, den Anspruch auf Teilzeit einzuschränken.
Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) fordert in ihrem Papier "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit", den genannten Anspruch zukünftig nur noch denjenigen Menschen zu gewähren, die eine "besondere Begründung" dafür haben. So ein Grund könnte eine Weiterbildung sein, Kindererziehung oder die Pflege Angehöriger.
Teilzeit als politisches Feindbild
Nun finden allerdings nicht alle den Vorschlag so toll, wie die Wirtschaftsministerin. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) entgegnete zum Beispiel, dass Teilzeitarbeit in Deutschland vor allem weiblich – und eben keine Lifestylefrage sei, "sondern die Folge davon, dass vor allem Frauen massenhaft unbezahlte Sorgearbeit leisten", so DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen arbeiten heute in Teilzeit. Am Ende dieses Vorstoßes stünden damit also einfach (noch) weniger Frauen in Erwerbsarbeit.
Hier entlarvt der DGBganz nebenbei auch einen ganz schwerwiegenden Denkfehler in der Rechnung des CDU-Wirtschaftsflügels. Die Vorstellung: Nur, wer (viel, mehr, am meisten) erwerbstätig ist, trägt zum gemeinsamen Wohlstand des Landes bei.
Dabei machen es doch all jene, die im Hintergrund Kinder großziehen, unentgeltlich kranke oder alte Menschen pflegen, oder schlicht und ergreifend den Haushalt schmeißen, überhaupt erst möglich, dass andere 40 bis 60 Stunden pro Woche einer Lohnarbeit nachgehen.
Ohne Frage sind genau diese Menschen Leistungsträger*innen unserer Gesellschaft. Und das übrigens auch nicht immer ganz freiwillig. Dem Handelsblatt sagte ein Experte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Prof. Dr. Enzo Weber: "So erhöht der Ausbau von Kinderbetreuung auch die gewünschten Arbeitszeiten – wenn man die Rahmenbedingungen verbessert, geben sich Menschen also nicht mehr mit weniger zufrieden".
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Andersherum wird aber auch ein Schuh daraus. Während Teilzeitarbeit natürlich kein "neuer Trend" unter Work-Life-Balance-Ultras ist, gab es in den vergangenen Jahren nämlich durchaus einen Anstieg der Teilzeitquote.
Weber erklärt diesen damit, dass immer mehr Frauen und ältere Menschen einer Erwerbsarbeit nachgingen – nämlich, genau: in Teilzeit. Nimmt man ihnen diese Option, können sie eben gar keiner Lohnarbeit mehr nachgehen.
So sieht das auch Grundeinkommensgewinnerin Juliane K. aus Jena: "Gerade für mich als dreifache Mama ist es sehr wichtig, die Möglichkeit zu haben, in Teilzeit zu arbeiten. Nachmittags hat eines meiner drei Kinder immer eine AG, zu der ich es fahre, muss bei den Hausaufgaben betreut werden – oder ich erledige den Einkauf für die Woche. Zeit für den Haushalt bleibt da meist nicht mal übrig."
Das Bedingungslose Grundeinkommen gibt ihr dieses Jahr die finanzielle Sicherheit, nach der Elternzeit nicht sofort wieder auf Vollzeit umsteigen zu müssen.
Sollte die Möglichkeit der Teilzeit komplett wegfallen, wären die Kinder häufiger sich selbst überlassen. Das wäre nicht im Sinne meines Familiengedankens.
Grundeinkommensgewinnerin Juliane K. aus Jenabringt in Teilzeit Berufliches und Familie unter einen Hut
Bedingungen, die man sich im Wirtschaftsflügel der CDU aber wohl eher selten aus eigener Erfahrung ins Bewusstsein rufen kann. In jedem Fall klingt das hier nicht nach einem Schlupfloch für besonders arbeitsscheue Wesen.
Apropos arbeitsscheu: Aus dem Pilotprojekt Grundeinkommen und weiteren Studien wissen wir inzwischen, dass Menschen nicht nur einfach als Reaktion auf (finanziellen oder anderweitigen) Druck arbeiten gehen. Sie wollen einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten, suchen Sinn und Zweck im Leben, wollen sich in ihren Tätigkeiten verwirklichen.
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Am Ende würde der Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels übrigens auch einem weiteren Vorhaben der Union mit Karacho in die Parade fahren – durch Krankheit bedingte Fehltage bei der Arbeit zu reduzieren. Denn eine Studie der Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung zeigt: Eine höhere Arbeitsbelastung schadet langfristig der Gesundheit.
Ganz allgemein lässt sich heute sagen, ein hoher Krankenstand kommt nicht von Bequemlichkeit. Er kommt von Stress, Druck und Existenzangst. Vor allem psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen steigen seit Jahren kontinuierlich an, Langzeitkrankschreibungen machen den Großteil der Fehltage aus.
Wer sicher ist, kann auch mehr beitragen
Grundeinkommensgewinnerin Luzia war früher selbstständig, mit einer eigenen Bäckerei. Gearbeitet hat sie damals weit über vierzig Stunden in der Woche. "Drei Kinder habe ich großgezogen, die Geschwister bis zu ihrem Lebensende begleitet – und zuletzt zehn Jahre lang meinen Mann gepflegt, bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr.
Zuerst habe ich weiterhin in Vollzeit gearbeitet, dann noch 30 Stunden, dann 20 Stunden. Dann wurde ich selbst arbeitsunfähig."
Unsere November-Verlosung fiel im vergangenen Jahr genau auf Luzias Geburtstag. Ein Grund, "doch mal wieder mitzumachen", wie sie sich am Telefon erinnert. Dass sie tatsächlich gewonnen hat, kann sie noch immer nicht fassen: "Wer hat denn bitte so viel Glück?"
Hätte der CDU-Wirtschaftsflügel also einmal bei uns nachgefragt, wir hätten ihm geantwortet: Wählt Sicherheit statt Abwertung. Denn ein Bedingungsloses Grundeinkommen entlastet, stärkt Wohlbefinden und Selbstbestimmung – und sorgt so langfristig für gesündere Arbeit, von der alle profitieren: Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft.
Wir wollen es wissen! Was bedeutet Teilzeitarbeit für dich?
Melli Funk Photography
Ist sie eine Notwendigkeit, um alles unter den Hut zu bekommen? Verhindern gesundheitliche Gründe, dass du in Vollzeit arbeitest? Hast du vielleicht ein Ehrenamt? Oder würdest du gern in Teilzeit arbeiten – kannst dir das aber finanziell überhaupt nicht erlauben?
Erzähl es uns in den Kommentaren! Wir sammeln eure Antworten und schreiben in den nächsten Wochen ein Update, in dem wir diese auswerten.
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