Laut Vorschlag der CDU sollte das Recht auf Teilzeit eingeschränkt werden. In der Diskussion darum wollen wir euch das Wort geben: Hier sind eure Top-Gründe, in Teilzeit zu arbeiten.
Mit "Lifestyle-Teilzeit" gibt es definitiv einen würdigen Kandidaten für das Unwort des Jahres. Sollte das Recht auf Teilzeit eingeschränkt werden? In den letzten Wochen wurde dieses Thema viel diskutiert. Mit der Lebensrealität vieler Menschen hatte die Diskussion oft aber leider nichts zu tun. Wir sind der Meinung: Wenn es um das Thema Teilzeitarbeit geht, sollten wir unbedingt Expert*innen sprechen lassen. Und die seid ihr!
Ganz konkret wollten wir deshalb von euch wissen: Was bedeutet Teilzeitarbeit für dich? Über 100 Menschen hatten darauf eine Antwort. Vielen Dank für die eindringlichen, genauen und ehrlichen Einblicke in eure Lebenssituationen, in denen Teilzeit nicht wegzudenken ist.
Krank durch Vollzeit?
Ihr habt in euren Kommentaren verschiedene Gründe genannt, warum das Recht auf Teilzeit für euch notwendig ist. Ganz oben steht: Eure Gesundheit.
Für einige Menschen würde Mehrarbeit eine Belastung ihrer Gesundheit bedeuten. Das kann auch zu mehr Arbeitsausfällen durch Krankheit führen. Also zu insgesamt weniger Arbeit. Damit klingt der Vorschlag, mehr Produktivität durch Einschränkung von Teilzeit zu schaffen, gar nicht mal so logisch. Oder?
Katze zählt die Dinge auf, die im Vollzeitjob zur gesundheitlichen Herausforderung wurden: "Überstunden, Überlastung und keine Planbarkeit." Und schreibt: "Als ich das noch in Vollzeit mitgemacht hab, hat meine Gesundheit letztlich so gelitten, dass ich völlig ausgefallen bin. Nach meiner Behandlung erschien mir die Teilzeit als die beste Lösung, mich selbst zu schützen."
Ich bin hochsensibel und brauche meine Rückzugsphasen, um mein Nervensystem nicht zu überlasten. Dazu kommt, dass ich körperlich arbeite und zwar ganzjährig im Freien, bei minus 10 Grad ebenso wie bei plus 35 Grad. Ich liebe meine Arbeit sehr, aber einen Vollzeittag würde ich nicht überstehen.
Mematodarüber, warum mehr als eine 31-Stunden-Woche nicht machbar ist.
Wie Memato schreibt auchFee, dass mehr Stunden Arbeit körperlich einfach nicht drin wären: "Ich arbeite in Teilzeit, um meine Rente aufzubessern. Ich bin 73 Jahre alt, Vollzeit könnte ich nicht mehr arbeiten."
Laut CDU soll das Recht auf Teilzeit für Menschen, die Angehörige pflegen oder in Kindererziehung sind, bestehen bleiben. Wir finden es trotzdem wichtig, eure Care-Arbeit präsent zu machen, weil sie einmal mehr zeigt: Ohne sie würde in unserer Gesellschaft nichts funktionieren. Und dafür braucht es Wertschätzung.
Auf unsere Frage "Was bedeutet Teilzeitarbeit für dich?" antwortet Sabsi0712: "Ich bin letztes Jahr in Familienpflegezeit gegangen und habe meine Arbeitszeit auf 50 Prozent reduziert. Anders war die Pflege meines Vaters (Parkinson, Pflegegrad 4) und mein Job in der Pflege mit Wechselschicht nicht mehr zu stemmen. Wir brauchen ein Recht auf Teilzeit, denn sonst würde die ganze kostenlose Care-Arbeit wegfallen."
Was bedeutet Grundeinkommen für die Pflege von Angehörigen?
FrWoist über den Vorstoß, Teilzeitarbeit einzuschränken, empört: "Ohne die Möglichkeit auf Teilzeit, wüsste ich gar nicht, wie ich als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern mein Leben organisieren könnte. Ich finde es eine Frechheit, dass solche wichtigen Errungenschaften nun angegriffen werden."
Elena B. zeigt, dass die Vollzeit-Rechnung für ihre Situation nicht aufgeht: "Teilzeit bedeutet für mich, dass ich nach der Schule für meine Kinder da bin. Weitere Betreuung bis nachmittags würde bedeuten, dass ich das Verdiente in Kinderbetreuung stecke, dafür aber weniger Zeit für und mit den Kindern habe. Ergo, keinerlei Profit für niemanden."
"Was ist aus meinen Idealen geworden?"
Einige von euch sehen die Qualität ihrer Arbeit in Gefahr, wenn sie in Voll- statt in Teilzeit arbeiten würden.
So auch Cornelia. Ihren Job als Lehrerin sieht sie als Berufung und kommentiert: "Mit jedem Berufsjahr geht es um wachsende Mehrarbeit, um Kinder, die einen noch mehr in Anspruch nehmen, und verunsicherte Eltern, die noch mehr Zeit einfordern. Wäre ich bei einer vollen Stelle geblieben, würde ich meinem eigenen Anspruch an diesen Beruf nicht mehr gerecht werden und oft nur oberflächlich und gleichgültig mein Minimum schaffen. Ich verzichte also freiwillig durch eine Stundenreduzierung auf einen Teil meines Gehalts, um trotzdem wie eine Vollzeitstelle zu arbeiten und Qualität abzuliefern."
Auch Franziskamariasieht ihren Beruf eher als Berufung. Sie berichtet: "Ich habe als junge Hebammemit großartigem Idealismus 100 Prozent in einem Krankenhaus gearbeitet. Mein Traumberuf!!! Nach drei Jahren stand ich völlig ausgepumpt und gefühllos bei einer Geburt.Mir war alles egal geworden… der Ausgang der Geburt, das noch Ungeborene, die Eltern...Ich bin darüber so erschrocken: Was war aus mir und meinen Idealen geworden? Dann habe ich im Alter von 27 Jahren auf 75 Prozent reduziert und konnte wieder Mitgefühl und Freude empfinden."
Arbeitest du noch oder studierst du schon?
Auch Menschen in Ausbildung wären – wie Menschen, die sich um Kinder oder Angehörige kümmern – laut Vorschlag der CDU nicht betroffen, wenn das Recht auf Teilzeit beschränkt wird.
Ausbildung und Studium sind längst keine klar abgegrenzten Vollzeitphasen mehr. Viele arbeiten parallel in Teilzeit, um sich zu finanzieren. Ihre Realität zeigt: Teilzeit ist keine Ausnahme – sondern Voraussetzung, damit Ausbildung überhaupt möglich ist.
Teilzeit ist für mich unerlässlich. Weil ich mir nie ein Studium ohne Arbeit finanzieren konnte und mich gleichzeitig weder verschulden, noch meine Eltern in die Pflicht nehmen wollte, habe ich seit meinem 19. Geburtstag ununterbrochen, davon viele Jahre in Teilzeit, gearbeitet.
ANNILIhat mittlerweile zwei kleine Kinder und nochmal ein Master-Studium belegt.
AuchLenihat jahrelang neben dem Studium gearbeitet – bis eine Entscheidung getroffen werden musste: "Ich finde diese ‘Idee’ anmaßend und unverschämt. Ich habe jahrelang neben meinem 50-60 Stunden Job studiert. Irgendwann musste ich mich entscheiden. Die gesundheitliche Quittung konnte ich gerade noch einigermaßen glatt bügeln! Die Falten bleiben aber sichtbar! Und selbst wenn mich das Studium nicht zu dieser Entscheidung gebracht hätte, möchte ich über mein Leben verfügen."
"Wirklich einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten"
Als weiteren Grund für Teilzeit nennt ihr das Ehrenamt: Ihr möchtet im Job kürzer treten, um mehr Zeit für gesellschaftliches Engagement zu haben.
Es ist schwer zu sagen, was der Wert der gesamt geleisteten ehrenamtlichen Arbeit in Euro ist. Aber so viel ist klar: Er ist enorm hoch. Einer Studie von 2009 schätzt, "dass bürgerschaftliches Engagement 35 Milliarden Euro zum Gemeinwesen beiträgt, und eine neuere Studie von 2022 legt nahe, dass der wirtschaftliche Gegenwert von ehrenamtlich erbrachter Arbeit inzwischen allein in NRW 19,14 Milliarden Euro beträgt."
Taktikerin schreibt: "Ich arbeite Vollzeit mit wöchentlichen Überstunden im öffentlichen Dienst. Ich würde gern Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit für mein Ehrenamt und mich selbst zu haben."
Weißt du übrigens, wodurch Teilzeitarbeit oft erst möglich wird? Grundeinkommen.
Und weißt du, wer Grundeinkommen möglich macht? Du.
Rennschneckeengagiert sich, seitdem sie in Teilzeit arbeitet, mehr für den Tierschutz und ist sich sicher: "Ich arbeite in Teilzeit mit 34 Stunden und würde es nicht mehr rückgängig machen! Es ist für mich ein sehr großer Gewinn, mehr Zeit für mich und andere wichtige Themen zu haben (z.B. Eltern, Tierschutz)."
Zum Beispiel auch Zeit für ein gutes Leben. Denn das ist ja hoffentlich noch nicht verboten. Die von Merz und seiner Union viel gescholtene Work-Life-Balance bringt nämlich einige Vorteile mit sich.Laras Kommentar liest sich wie die perfekte Anleitung dafür:
"Ich habe mich entschieden, in Teilzeit zu arbeiten, drei Tage pro Woche. Das Geld reicht leider nicht aus, daher arbeite ich nebenbei noch freiberuflich, aber so habe ich Abwechslung und ich kann mir die Freelance-Arbeit so einrichten, wie ich möchte. Abgesehen vom Geld hat diese Lebensweise soweit nur Vorteile für mich. Spontan ein paar Punkte:
Ich werde nie krank.
Ich behalte Spaß an meiner Arbeit und deprimiere nicht mehr, weil mein Leben sich nur um sie dreht.
Ich habe Zeit für ehrenamtliche und kreative Tätigkeiten. Bei diesen Tätigkeiten habe ich wirklich das Gefühl, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.
Ich bin flexibel, um meine Familie/Freunde bei Bedarf zu unterstützen.
Ich kann flexibler und somit günstiger Züge buchen.
Ich schätze mich sehr glücklich und werde stets für den Lifestyle beneidet. Ich wünsche allen Menschen diese Möglichkeit und bin überzeugt, dass es der Gesellschaft unglaublich guttun würde."
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Eure zahlreichen Antworten zeigen: Teilzeit hat viele Gesichter. Sie gibt euch die Möglichkeit, neben der Lohnarbeit noch ein Ehrenamt auszuüben. Oder eure Angehörigen zu pflegen. Sie hält euch gesund – und die Gesellschaft am Laufen.
*Hinweis: Die Zitate stammen aus euren Kommentaren zu unserem Artikel "Lifestyle-Teilzeit" – oder: Vollzeit um jeden Preis?. Mitunter haben wir Stellen hervorgehoben und gekürzt – natürlich immer so, dass der Sinn dadurch vollständig erhalten blieb.
Welche Perspektive fehlt dir? Was möchtest du zum Thema Teilzeit ergänzen? Schreib es uns in die Kommentare!
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